Vorwort von Dr. Dr. Thomas Bausch

Katalog: Chic, Charme und Bollenhüte

Schwer lastende Bollenhüte, knallrote, tiefschwarze, getragen auf den Köpfen eleganter Damen- wie das? Wohl nur Kenner traditioneller Volkstrachten wissen: Diese großen Hüte werden von traditionsbewussten Frauen in bestimmten Schwarzwald-Dörfern zu besonderen Anlässen getragen; die Hüte signalisieren den zivilen Status der Frauen: Ledig oder verheiratet.

Siegfried Knittel wuchs im Schwarzwald auf und konfrontiert den staunenden Betrachter seiner Serie „Bollenhüte“ mit zum Teil subtil hintergründig konzipierten Kompositionen: Erinnert das Bild Nr. 16 nicht an das Botticelli- Portrait der schönen Simonetta Vespucci? Ja! Es ist das hinreißende Profil von Simonetta, von Siegfried Knittel frei übernommen und verfremdet: Die goldene Haarpracht mit den eingeflochtenen Perlen und der krönenden Federbrosche im Haarschopf ist überdeckt von einem riesigen Schwarzwälder Bollenhut, der über die bei Botticelli wunderschöne Stirn und die ebenso schönen Augenbrauen fällt   - mächtige rote Woll-Bollen, getragen von einer elegant schwingenden weißen Hutkrempe. Man staunt: Der Schwarzwälder Trachtenhut steht Simonetta gut!

Oder: Wohin schaut, was erschaut die hoch aufblickende Schöne im blauen Abendkleid? (Bild Nr. 13) Das merkwürdig leblose Auge fasziniert den Betrachter – ist es vielleicht blind ? Nach alten klassischen Mythen gaben die Götter den Blinden manchmal die Gabe des „Sehens“ – die Kraft, Zukünftiges zu erschauen! Welche Geheimnisse werden unter dem roten Bollenhut entborgen?

Überraschend ist die stark farbige Flächigkeit der Bilder. Siegfried Knittel malt mit Acryl- oder Nitrolacken, streut zum Teil reine Farbpigmente in die Lacke. Diese Technik führt zu einer radikalen planen Flächigkeit, verunmöglicht jede Modulation durch fließende Farbübergänge. Die Flächen stoßen hart aufeinander, weiß an rot, rot an schwarz. Dennoch vermag Siegfried Knittel erstaunliche Schattierungen durch präzis schwingende Stufungen der Farbschichten zu produzieren: Kleiderfalten erscheinen mit großer Tiefenwirkungen durch die virtuos aneinander gelegten, aufeinander gelegten Flächen von Schwarz und Blau (so z.B. „Dame mit Bollenhut Nr. 13“ und „Dame mit Bollenhut Nr. 5“).

Zunächst wirken die Bilder durch ihre dekorative Komposition und ihren oft plakatähnlichen Aufbau. Dennoch: Setzt sich der Betrachter ausgewählten Bildern länger aus, so entfalten diese eine hoch assoziative Wirkung, entwickeln eine eigene geheimnisvolle Intensität, eine den Betrachter fragende Lebendigkeit: Wie wirke ich auf Dich? Was verbirgt sich wohl hinter meinen dunklen Sonnengläsern? So scheint die schöne Fremde mit den schwarzen Haaren den Betrachter zu fragen. Oder: Die elegante hinweg schreitende Gestalt: wohin geht sie stolz gekrönt mit Bollenhut?

Der Reichstag (Bild Nr.14) – architektonisch präzis der Aufriss der tiefen Perspektive des gläsernen Kuppelraums - doch surreal im Vordergrund liegt eine übergroße Frauengestalt, völlig entspannt in wallend weißem Gewand; der rechte Arm ruht auf einem rostroten Kissen, der linke auf dem linken ausgestreckten Oberschenkel. Siegfried Kittel hat sich die Freiheit zur Abwandlung wieder einer Ikone der Renaissance erlaubt: Wieder Botticelli, diesmal Venus! Erwartet sie Mars in der Reichstagskuppel? Die Botticello-Venus zeigt ein fein gezeichnetes Halbprofil, die goldene Haarpracht ist in einem Zopf über dem Hinterkopf gebunden, die Schläfenlocken fallen tief über den Hals bis auf die Brust. Teilnahmslos schauen die bernsteinfarbenen Augen über den nackten, erschöpft schlafenden Mars; soweit Botticelli. Siegfried Knittel allerdings löst die Venus aus ihrem Kontext und gibt ihr tiefschwarzes Haar – Kontrast zu dem das Venushaupt krönenden mächtigen roten Bollenhut. So zeigt sich die Figur gleich mehrfach verfremdet: Bollenhut auf göttlichem Venushaupt, Dislozierung der mythischen Figur in die Reichstagskuppel, Isolierung der Figur: Kein Raum für ihr Pendant: den schönen Mars und den ihn umspielenden bocksbeinigen Teufelchen.

Allen Bildern der Serie gilt: Der Bollenhut ist es, der den weiblichen Figuren in ihrer je eigenen Eigenheit aus den Hintergrundkontexten heraus- und zu etwas Besonderem erhebt.

Dr.Dr.Thomas Bausch

Vorwort zum Katalog "Architektur erleben - Demokratie verstehen" von Stephan Hilsberg

Die Gebäude des Bundestages gehören zu den gelungenen baulichen Experimenten der Hauptstadt. Ihre Transparenz begeistert, ihre Funktionalität besticht. Der Besucher wird schon auf Grund der Ästhetik in den Bann dieses wichtigsten und öffentlichen Ortes der Deutschen Demokratie geschlagen, und nicht wenige werden denken, wie schön es wäre, hier arbeiten zu können. Doch diese Ästhetik wirkt nicht nur einladend, sondern transportiert Bedeutungen. Sie ist transzendent. Wer im Plenum des Bundestages die Linien der Kuppel studieren kann, die sich tief in das Podium der politischen Debatte hineinziehen, und die die geschwungenen Gänge, auf denen Passanten bis tief in die Nacht hinein unbewusst Zeuge der hier ausgetragen, manchmal leidenschaftlichen, manchmal sehr speziellen, sogar unverständlichen, im schlimmsten Fall langweiligen Debatten werden, von unten betrachtet, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass alles, was hier geschieht, im offenen, im verantwortlichen Raum stattfindet. Er wird Zeuge der Strukturen gegenseitiger Verantwortlichkeit, der sich weder Wähler noch Gewählte je entziehen können. Dieser Bundestag ist ein Symbol. Einen besseren Ort als den alten Reichstag hätte er nicht wählen können. Demokratische Geschichte präsentiert sich am Ort ihrer täglichen Wiedergeburt.

Nicht alle Orte in diesem Bundestag sind laut. Manche, gerade auch die riesigen, wirken still. Im Kreuzungsbereich von Kanzleramt, dem Kopf der Executive und der sie kontrollierenden Legislative, sieht man nicht nur Schiffe über die Spree fahren, beladen mit Zuschauern und Berlin-Gästen, die sich ihrer Unterhaltung hingeben, steht man im Mittelpunkt des politischen Spannungsfeldes, von derem Funktionierenunser Schicksal abhängt.

Das ist Hinter- und Vordergrund der Bilder von Siegfried Knittel. Sie sind aus den Stimmungen dieser Gebäude geboren; Stimmungen, die den unseren sehr nah sind. Gebäude haben keine Stimmungen. Wir steuern sie bei. Sie äußern unser schicksalhaftes Verhältnis zu diesem wichtigen Ort politischer Entscheidungen in Deutschland, wo schon Einzelheiten symbolisch wirken können. In den Bildern von Knittel können wir unsere eigenen Sorgen, Hoffnungen und Unsicherheiten wieder erkennen. So wie wir mit der Politik, die wir im Regelfall nur beauftragen, aber nicht bestimmen können, und die wir bestenfalls aufmerksam begleiten, leben können, und leben müssen, so versinnbildlichen die Bilder von Knittel unser Verhältnis zu ihnen, dessen positive Aspekte Alltag und Ermöglichung sind.

Stephan Hilsberg

Einführung Kreuzigungen

 

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Einführung Bundestagslandschaften

 

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