Texte

„Architektur erleben – Demokratie verstehen“

Grußwort von Prof. Matthias Koeppel

 Ein gewagtes Motto ist dieser Ausstellung voran gestellt:

 

Ich denke nach und möchte sogleich den zweiten Teil der Aussage mit einem Fragezeichen versehen. Ich lasse es erst auf sich beruhen und widme mich dem ersten Teil der Ankündigung: also dem Erleben von Architektur. Für uns Großstadtmenschen ist das ein Dauerzustand. Wir leben mit und in der Architektur, sie bildet sozusagen die Basis für unser städtisches Dasein. Das geschieht mit solcher Selbstverständlichkeit, dass wir kaum darüber nachdenken, geschweige denn Erlebnisse daraus ableiten; das kritische Bewusstsein, das uns darüber nachdenken ließe, dämmert vor sich hin. Dieser Zustand ändert sich schlagartig, wenn ein Künstler kommt, der die Sprache der Architektur in Bilder übersetzt und sie uns zur kritischen Betrachtung anheim gibt.

Siegfried Knittel hat das getan. Er hat nicht irgendwelche Bauten seiner künstlerischen Betrachtung unterworfen, sondern er hat seinen Standortvorteil genutzt und die Wirkungsstätten des Deutschen Bundestages zum Thema seiner gestalterischen Analysen gemacht.

Frei von staatstragender Ehrfurcht hat er seinen Blick schweifen lassen auf die zentralen Stätten, in denen Deutsche Politik erarbeitet wird. Kann man das eigentlich der Architektur ansehen? Diese Frage beantwortet Siegfried Knittel mit bildnerischer Gelassenheit.

Zeitgemäß nutzt er die Kamera und die vielfältigen Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung sowie die immer raffinierter werdenden Reproduktions- und Drucktechniken, um seine Sujets optisch verfremdet ins Bild zu setzen. Wir haben es also nicht mit artigen Ablichtungen seriöser Gebäude zu tun, sondern heitere Form- und Farbspiele lassen uns das Gewohnte in neuem Licht erscheinen. Und diese Spiele geben nun Anlass, in uns fragende Gedanken aufkommen zu lassen: Wofür stehen diese Farbklänge? Bunte Heiterkeit fällt als erste ins Auge. Aber dann auch düstere Farbklänge – oder auch dramatische, die Feuer oder gar Explosionen symbolisieren könnten. Die Architekturen sehen wir meist menschenleer, aber es verirrt sich schon mal ein Pin-up-Girl ins Bundeskanzleramt, und dass da ein röhrender Hirsch steht, verwundert uns zunächst, bis wir auf dem nächsten Bild entdecken ,dass die Quadriga auf dem Brandenburger Tor von röhrenden oder besser gesagt schnaufenden Hirschen gezogen wird. Vielleicht ist der röhrende Hirsch die Symbolisierung des großmäuligen Berliners, der der Welt verkündet, dass er nicht mehr arm, aber immer noch sexy ist. Den Spekulationen werden viele Türen geöffnet. Aber jenseits von allen Interpretationszauber sollte man nicht übersehen, das Siegfried Knittels Bilder auch von ihren spannungsreichen formalen Aufbau immer eine perfekt organisierte Komposition ergeben, die die Basis ist, auf der die Farbklänge ihre Wirkung entfalten können. Das Finden eines außergewöhnlichen Farbklanges gehört nach wie vor zu den großen rätselhaften Mysterien in der bildenden Kunst. Spezifische Emotionen, die dadurch ausgelöst werden, lassen sich zumeist nur unzulänglich in Worte fassen.

Der Künstler ist nicht zu exakter Berichterstattung verpflichtet. Siegfried Knittel wird diese Deutungen nicht den einzelnen Bildern zuordnen wollen, aber für uns Betrachter erwecken sie zumindest Ahnungen von dem, was hinter den Mauern eines Parlamentes alles geschehen kann oder könnte. Ob das auf alle Zeit hin demokratisch zugehn wird, wollen wir hoffen; aber wir wissen es aus der Vergangenheit: Architektur hält immer still, auch wenn sie als Herrschaftssymbol missbraucht wird. Die Geschichte des Reichstages steht dafür. Die Kunst kann gar nicht demokratisch sein. Sie kann Stimmungen markieren, Tabus brechen und abenteuerlichen Spekulationen Raum geben. Damit sind wir beim zweiten Teil des anfangs aufgestellten Postulats: „Demokratie verstehen“ dem wir das Fragezeichen wieder entziehen können, wenn wir der künstlerischen Phantasie ein Podium geben auf dem jeder Betrachter sagen kann: Ich bin dafür, oder dagegen aber ich bin nicht unbedingt die Mehrheit.

Matthias Koeppel

 

 

Bilder aus dem Deutschen Bundestag

 

Vorwort zu einem Katalog Architektur erleben – Demokratie verstehen

Die Gebäude des Bundestages gehören zu den gelungenen baulichen Experimenten der Hauptstadt. Ihre Transparenz begeistert, ihre Funktionalität besticht. Der Besucher wird schon auf Grund der Ästhetik in den Bann dieses wichtigsten und öffentlichen Ortes der Deutschen Demokratie geschlagen, und nicht wenige werden denken, wie schön es wäre, hier arbeiten zu können. Doch diese Ästhetik wirkt nicht nur einladend, sondern transportiert Bedeutungen. Sie ist transzendent. Wer im Plenum des Bundestages die Linien der Kuppel studieren kann, die sich tief in das Podium der politischen Debatte hineinziehen, und die die geschwungenen Gänge, auf denen Passanten bis tief in die Nacht hinein unbewusst Zeuge der hier ausgetragen,  manchmal leidenschaftlichen, manchmal sehr speziellen, sogar unverständlichen, im schlimmsten Fall langweiligen Debatten werden, von unten betrachtet, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass alles, was hier geschieht, im offenen, im verantwortlichen Raum stattfindet. Er wird Zeuge der Strukturen gegenseitiger Verantwortlichkeit, der sich weder Wähler noch Gewählte je entziehen können. Dieser Bundestag ist ein Symbol. Einen besseren Ort als den alten Reichstag hätte er nicht wählen können. Demokratische Geschichte präsentiert sich am Ort ihrer täglichen Wiedergeburt.

Nicht alle Orte in diesem Bundestag sind laut. Manche, gerade auch die riesigen, wirken still. Im Kreuzungsbereich von Kanzleramt, dem Kopf der Executive und der sie kontrollierenden Legislative, sieht man nicht nur Schiffe über die Spree fahren, beladen mit Zuschauern und Berlin-Gästen, die sich ihrer Unterhaltung hingeben, steht man im Mittelpunkt des politischen Spannungsfeldes, von derem Funktionieren unser Schicksal abhängt.

Das ist Hinter- und Vordergrund der Bilder von Siegfried Knittel. Sie sind aus den Stimmungen dieser Gebäude geboren;  Stimmungen, die den unseren sehr nah sind. Gebäude haben keine Stimmungen. Wir steuern sie bei. Sie äußern unser schicksalhaftes Verhältnis zu diesem wichtigen Ort politischer Entscheidungen in Deutschland, wo schon Einzelheiten symbolisch wirken können. In den Bildern von Knittel können wir unsere eigenen Sorgen, Hoffnungen und Unsicherheiten wieder erkennen. So wie wir mit der Politik, die wir im Regelfall nur beauftragen, aber nicht bestimmen können, und die wir bestenfalls aufmerksam begleiten, leben können, und leben müssen, so versinnbildlichen die Bilder von Knittel unser Verhältnis zu ihnen, dessen positive Aspekte Alltag und Ermöglichung sind.

Stephan Hilsberg

 

 

Vorwort zu einem Katalog Chic, Charme & Bollenhüte von Dr. Dr. Thomas Bausch

 Schwer lastende Bollenhüte, knallrote, tiefschwarze, getragen auf den  Köpfen eleganter Damen- wie das? Wohl nur Kenner  traditioneller Volkstrachten wissen: Diese großen Hüte werden von traditionsbewussten Frauen in bestimmten Schwarzwald-Dörfern zu besonderen Anlässen getragen; die Hüte signalisieren den zivilen Status der Frauen: Ledig oder verheiratet.

Siegfried Knittel wuchs im Schwarzwald auf und konfrontiert den staunenden Betrachter seiner Serie „Bollenhüte“ mit zum Teil subtil hintergründig konzipierten Kompositionen: Erinnert das Bild Nr. 16 nicht an das Botticelli- Portrait der schönen Simonetta Vespucci? Ja! Es ist das hinreißende Profil von Simonetta, von Siegfried Knittel frei übernommen und verfremdet: Die goldene Haarpracht mit den eingeflochtenen Perlen und der krönenden Federbrosche im Haarschopf ist überdeckt von einem riesigen Schwarzwälder  Bollenhut, der über die bei Botticelli wunderschöne Stirn und die ebenso schönen Augenbrauen fällt   –  mächtige rote Woll-Bollen, getragen von einer elegant schwingenden weißen Hutkrempe. Man staunt: Der Schwarzwälder Trachtenhut  steht Simonetta gut!

Oder: Wohin schaut, was erschaut  die hoch aufblickende Schöne im blauen Abendkleid?  (Bild Nr. 13)  Das merkwürdig leblose Auge fasziniert den Betrachter – ist es vielleicht blind ? Nach alten klassischen Mythen gaben die Götter den Blinden manchmal die Gabe des „Sehens“ –  die Kraft, Zukünftiges zu erschauen! Welche Geheimnisse werden  unter dem roten Bollenhut entborgen? 

Überraschend ist die stark farbige Flächigkeit der Bilder. Siegfried Knittel malt mit Acryl- oder Nitrolacken, streut zum Teil reine Farbpigmente in die Lacke. Diese Technik führt zu einer radikalen planen Flächigkeit, verunmöglicht jede Modulation durch fließende Farbübergänge. Die Flächen stoßen hart aufeinander, weiß an rot, rot an schwarz. Dennoch vermag Siegfried Knittel erstaunliche Schattierungen durch präzis schwingende Stufungen der Farbschichten zu produzieren: Kleiderfalten erscheinen mit großer Tiefenwirkungen durch die virtuos aneinander gelegten, aufeinander gelegten Flächen von Schwarz und Blau (so z.B. „Dame mit Bollenhut Nr. 13“  und „Dame mit Bollenhut Nr. 5“).

Zunächst wirken die Bilder durch ihre dekorative Komposition und ihren oft plakatähnlichen Aufbau. Dennoch: Setzt sich der Betrachter ausgewählten Bildern länger aus, so entfalten diese eine hoch assoziative Wirkung, entwickeln eine eigene geheimnisvolle Intensität, eine den Betrachter fragende Lebendigkeit: Wie wirke ich auf Dich? Was verbirgt sich wohl hinter meinen  dunklen Sonnengläsern? So scheint die schöne Fremde mit den schwarzen Haaren den Betrachter zu fragen.  Oder: Die elegante hinweg schreitende Gestalt: wohin geht sie stolz gekrönt mit Bollenhut?

Der Reichstag (Bild Nr.14) – architektonisch präzis der Aufriss der tiefen Perspektive des gläsernen Kuppelraums  –  doch surreal im Vordergrund liegt eine übergroße Frauengestalt, völlig entspannt  in wallend weißem Gewand; der rechte Arm ruht auf einem rostroten Kissen, der linke  auf dem linken ausgestreckten Oberschenkel.   Siegfried Kittel hat sich die Freiheit zur Abwandlung wieder einer Ikone der Renaissance erlaubt: Wieder Botticelli, diesmal Venus! Erwartet sie Mars in der Reichstagskuppel? Die Botticello-Venus zeigt ein fein gezeichnetes Halbprofil, die goldene Haarpracht ist in einem Zopf über dem Hinterkopf gebunden, die Schläfenlocken fallen tief über den Hals bis auf die Brust. Teilnahmslos schauen die bernsteinfarbenen Augen über den nackten, erschöpft schlafenden Mars; soweit Botticelli. Siegfried Knittel allerdings löst die Venus aus ihrem Kontext und gibt ihr tiefschwarzes Haar – Kontrast zu dem das Venushaupt krönenden mächtigen roten Bollenhut. So zeigt sich die Figur gleich mehrfach verfremdet: Bollenhut auf göttlichem Venushaupt, Dislozierung der mythischen Figur in die Reichstagskuppel, Isolierung der Figur: Kein Raum für ihr Pendant: den schönen Mars und den ihn umspielenden bocksbeinigen Teufelchen.

Allen Bildern der Serie gilt: Der Bollenhut ist es, der den weiblichen Figuren in ihrer je eigenen Eigenheit aus den Hintergrundkontexten heraus-  und zu etwas Besonderem erhebt.

           Dr.Dr.Thomas Bausch©

 

 

Bundestagslandschaften

Ausstellungseröffnung, Hans-Joachim Otto, MdB. Vorsitzender des Ausschusses Kultur und Medien

Vernissage – Siegfried Knittel. am 26.03.2009,18.00 Uhr, Ladenlokal der Hamburgischen Irmmobilien Handlung, Karlplatz 7, 10117 Berlin

Der Deutsche Bundestag ist ein Ort voller Kunstwerke! Manche davon sieht man bereits, wenn man an den Liegenschaften rund um die Spree vorübergeht. So zum Beispiel die Arbeit „Mann auf der Leiter“ von Neo Rauch an der Ostseite des Paul-Löbe-Hauses. Sie ist Bestandteil der umfangreichen Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Es gibt jedoch auch eine ganze Menge an künstlerischen und kulturellen Aktivitäten, die auf den ersten Blick eher verborgen bleiben, die aber dennoch gleichsam bemerkenswert sind. Heute Abend sind gleich zwei dieser Aktivitäten hier vertreten: Der Chor des Deutschen Bundestages und der Künstler Siegfried Knittel. 

Siegfried Knittel ist seit 1999 im Plenarassistenzdienst des Deutschen Bundestages beschäftigt. Offiziell gehört er dem Referat „ZT 4/12“ an. Siegfried Knittel ist aber auch der Begründer der Gruppe „Kunst intern“ der Beschäftigten des Deutschen Bundestags. „Kunst intern“ ist eine Gruppe bildender Künstlerinnen und Künstler, die im Deutschen Bundestag in unterschiedlichen Bereichen der Verwaltung, bei Abgeordneten und Fraktionen beschäftigt sind. Neben der jeweils individuellen stilistischen Ausrichtung, versucht die Künstlergruppe auch ihr spezifisches Umfeld zu Themen von Gesellschaft und Politik in ihren Arbeiten zu reflektieren. Bei den heute hier ausgestellten Werken ist das offensichtlich! Seit der Gründung im Jahr 2001 konnte die Gruppe bereits zahlreiche Gruppenausstellungen realisieren. Die künstlerischen Arbeite von Siegfried Knittel wurden darüber hinaus auch schon bei mehreren Einzelausstellungen in Bonn und Berlin gezeigt. Dass die künstlerischen Aktivitäten von Siegfried Knittel jetzt ein weiteres Mal für die Öffentlichkeit zu sehen sind, ist auch dem Sponsor dieser Ausstellung zu verdanken, der „Hamburgischen Immobilien Handlung“, die diese schönen Räume mietfrei zur Verfügung stellt. Ihnen ist an dieser Stelle ausdrücklich zu danken!

Der Titel der heute zu eröffnenden Ausstellung lautet „Bundestags-Landschaften“. So einfach und treffend dieser Titel auf den ersten Blick scheinen mag, so verbirgt sich dahinter doch mehr. Der Begriff „Landschaften“ meint hier in meinen Augen in der Tat mehr als die bloße Bezeichnung eines Sujets, also etwa im Vergleich zu den anderen kunsthistorischen Gattungen wie dem Portrait, dem Stillleben und so weiter. Landschaften, das sind hier nämlich nicht nur urbane Strukturen, gebaute und gestaltete Landschaft, Dächer, Mauern, Sichtachsen, Pflanzen und Bäume. Vielmehr ergibt die Art und Weise, wie Siegfried Knittel sein Thema der politisch-urbanen Baulichkeit des Regierungsviertels umsetzt, auch auf einer zweiten Ebene Landschaften: Farb-Landschaften. So löst Knittel die baulichen Strukturen nämlich auf und übersetzt diese in Farbflächen, Farbfelder. Diese Felder besitzen dann ihre ganz eigene Materialität. Diese Materialität existiert dabei unabhängig von der ursprünglichen baulichen Vorlage und ist doch durch den Transformationsprozess elementar an diese gebunden. Kurz gesagt: Bauliche Landschaft wird in den Arbeiten Siegfried Knittels zu farblicher Landschaft. Durch die Eigenständigkeit der farbliehen Darstellung ergibt sich dann jener Interpretationshorizont, der die hier gezeigten Werke so spannend macht. Denn Farbe ist in der menschlichen Wahrnehmung unmittelbar mit Emotionen geknüpft. Sie alle kennen das: Rot steht für Erregungen, im Guten wie im schlechten Sinne; Blau für Entspannung und Ruhe und so weiter. Farb-Landschaften werden dann also wiederum zu Emotions-Landschaften Es kann somit ein kognitiver Dreischritt festgehalten werden: bauliche Landschaft wird zu farblicher Landschaft und diese z emotionaler Landschaft. Dabei drängt sich dann die Frage auf, wo eigentlich die Quelle dieser Emotion liegt? Sind es die Bauten selbst, die diese Emotionen ausstrahlen? Sind die Farbfelder also, Ausdruck der Hektik, der Hitze und des Streits, der unter den Dächern der Parlamentsgebäude durchaus mal seinen Lauf nehmen kann? Oder im anderen Extrem der Ruhe und Kontinuität, die ebenso mit dem Parlament verwoben sind? Oder sind die Farbfelder vielleicht Ausdruck der an diese Gebäude und ihrer Symbolik von außen herangetragenen Emotionen? Sind es also die Ausdrücke der Gedanken und Gefühle, die der Betrachter diesen Bauten verbindet? Oder ist es, als‘ dritte Variante, das Umfeld, das auf die dargestellten Gebäude Einfluss nimmt und mit diesen in Wechselwirkung steht. So wenig, wie man diese Fragen eindeutig beantworten, kann -denn dann würde es sich hier ja auch nicht um künstlerische Werke handeln -so wenig können die Werke eindeutig einer Bildrichtung zugeordnet werden. Sie sind weder impressionistisch noch expressionistisch. Auch sind auf keinen Fall der Pop-Art zuzuschreiben, wie ein oberflächlicher Blick vielleicht vermuten ließe. Viel mehr besitzen sie eine ganz eigene Qualität. Es könnte noch viel gesagt werden über Siegfried Knittel und sein Werk. Doch wie langweilig ist es, über Kunst zu reden, wenn Sie sie auch selbst entdecken können! Dazu möchte ich Sie jetzt alle nachdrücklich auffordern!

Ich bedanke mich deshalb ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und Wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Besichtigung der Ausstellung!

 

Rede  von Siegfried Kauder, MdB, Vorsitzender des Rechtsausschusses zur Ausstellungseröffnung „Chic Charme und Bollenhüte“

Im Deutschen Bundestag, Gebäude Dorotheenstr. 93, Juli 2013

 

Wir Badener sind tolerante, weltoffene und friedfertige Menschen. Allerdings gibt es Dinge, bei denen wir keinen Spass verstehen: Wer beim Singen des Badener Liedes nicht mitsingt – mindestens zwei Strophen –  und gar noch sitzen bleibt, hat sich alle Sympathien verscherzt. Und dann gibt es da noch Sakrilege. Wer sie bricht, wird dauerhaft aus der Rechtsgemeinschaft der Badener ausgeschlossen. Das gilt beispielsweise für den, der eine Schwarzwälder Kuckucksuhr nachmacht oder eine so nachmacht als echt in den Verkehr bringt. Sie merken schon, die Schwarzwälder Kuckucksuhr nicht zu achten, kommt der Geldfälschung nach § 146 und § 147 STGB sehr nahe. Im gleichen Maße verwerflich ist der unbefugte Gebrauch des Bollenhutes. Auch hier ist der Missbrauch strafrechtlich sanktioniert. § 132 a StGB ( Missbrauch von Titeln und Abzeichen ) ist nämlich verfassungskonform auszulegen.

Der Bollenhut hat über Art. 2 des Grundgesetzes Verfassungsrang: freie Entfaltung der badischen Persönlichkeit. Der Bollenhut ist Schwarzwälder Kulturgut, aber er ist auch ein guter Werbeträger. Der Bollenhut steht für Tradition und Qualität und so schmückt er Milchtüten und Blisterpackungen mit Schwarzwälder Schinken.

Und so sind wir Badener nicht etwa ewig vorgestrig, sondern der Zukunft zugewandt. Die Schwarzwälder Kuckucksuhr im modernen Gewand entwickelte sich zu einem Verkaufsschlager. Sie war aber auch der Dammbruch. Gilt das auch für den Bollenhut als Accessoire einer modernen Frau? Provokant ist es schon und Siegfried Knittel kann froh sein, dass ihn Art. 5 GG ( Freiheit der Kunst ) schützt. Aber Vorsicht ist geboten. Revoluzzern ging es in Baden nicht immer gut. Struve und Hecker trugen nach der 48-iger Revolution zur Rechtsfortbildung in Baden bei. Sie waren die ersten, die in einem öffentlichen Prozess verurteilt wurden.

Aber Siegfried Knittel steht dazu: Von seinem gefälligen Kunststil hat er sich entfernt. Er provoziert. Siegfried Knittel hat sich fortentwickelt. Man darf gespannt sein, was nach dem Bollenhut noch alles kommt.

 

 

Metamorphosen

Statement für eine Ausstellung im Anti-Kriegsmuseum Berlin 2006

 

Die Bilder und Assemblagen sind Ergebnis einer persönlichen Auseinandersetzung mit den Ereignissen im Kontext der Kriege in Afghanistan und im Irak. Insofern sind die Darstellungen auch lesbar als  Spiegel emotionaler Empfindung, als Ausdruck von Wut, Trauer und unsäglicher Hilflosigkeit gegenüber den unschuldigen Opfern während und nach den Kriegen.   Die offene Zäsur, die hemmungslose Preisgabe ethisch-moralischer Wertvorstellungen zugunsten poltisch-ideoloscher Interessen einerseits und wirtschaftlicher Interessen andererseits, eingebunden in die globale Massenbeeinflussung über die Instrumentarien der Massenmedien und der staatlichen Institutionen , insbesondere die Diskrepanz in der Empfindung, in der bewussten und unterbewussten Identifikation empirisch gewachsener Vorstellungen von Ethik und Moral und der Wahrnehmung der Realität Heute, sind im Verlauf der Entstehungsphase der Arbeiten zur Substanz der Auseinandersetzung im Thema geworden.

Metamorphosen zielen nicht wörtlich gemeint auf die gestaltliche Veränderung, sondern vielmehr auf die inhaltliche Wandlung in der allgemeinen Wahrnehmung von Symbolen und den damit verbundenen Wertevorstellungen. In der Gegenüberstellung von politisch/gesellschaftlichen Symbolen, sowie in der Verschmelzung Beider in der Umsetzung der Bilder versuche ich die wechselseitige Rolle in der Definition der Begriffe von Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Schuld und Sühne einerseits und das Bewusstsein von Macht und Ohnmacht im Kräfteverhältnis der politischen/ideologischen Blöcke, die militärische Konfrontation auf der Basis wirtschaftlicher, ideologischer und religiöser Interessen andererseits, in der Auseinandersetzung mit der Thematik zu reflektieren.

Die Verflechtung von Staat und Religion  bzw., die Verflechtung ihrer tragenden Symbole im Inhalt und Ausdruck der Arbeiten rechtfertigt sich in ihrer wechselseitigen Rolle einerseits, als Träger von Frieden und Hoffnung und andererseits als Träger von Gewalt und Schrecken und versucht die wankende Balance in dem derzeit sich zuspitzenden  Konflikt der Kulturen und Religionen zu fokussieren.

Die Arbeiten erheben nicht den Anspruch einer korrekten Einschätzung des Zeitgeschehens, sondern sind vielmehr ein Versuch mit künstlerischen Gestaltungsmitteln eigener Beklemmung Ausdruck zu verleihen.

Siegfried Knittel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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